Fr, 5. August 2005: “Nuovo Cinema Paradiso”
Kino, das war nicht nur im sizilianischen Giancaldo einmal ein Saal voll emotional entflammter Leute, die mitlebten, mitliebten, mitlitten, mitbangten, wenn vorne ihre Stars von Emotionen bewegt Emotionen bewegten. Zum Kino gehörten die stillende Mutter, das liebende Paar, der saufende Papa, gehörten die grölenden Kinder, die heimlich eine Zigarette rauchten und dem chronischen Schnarcher immer wieder mit neuen Mitteln den Schnauf nahmen. Kino bedeutet auch etwas Übersinnliches, wenn etwa während der Projektion von «Scareface» bei einem Schuss auf der Leinwand ein Mann im Saal getroffen zusammenbrach, oder wenn sich hinten der Löwenmund, aus dem das Projektorenlicht strahlte, zu bewegen schien. Kino gehörte zum Leben, lag an der Nahtstelle zum Traum. Und heute? «Auch wenn die Kinosäle mit Dynamit zerstört werden», meinte Giuseppe Tornatore bei der Präsentation seines Filmes, «die Filme werden nie sterben.» Der Italiener machte mit seiner filmischen

Liebeserklärung klar, dass er an den Film glaubt und dass er weiss, wo eine seiner grossen Stärken lag und immer noch liegt: In der Emotion, den bewegten Gefühlen. Und deshalb schmust sich Tornatore in «Nuovo Cinema Paradiso» durch die ganze Filmgeschichte schöner hätte er dem Film seine Liebe nicht erklären können. «Nuovo Cinema Paradiso» ist als grosse Rückblende angelegt, als Erinnerungsfahrt, die auch vor romantischer Verklärung nicht halt zumachen braucht. Salvatore arbeitet als angesehener Regisseur in Rom. Er ist seit zwanzig Jahren nicht mehr heimgekehrt nach Sizilien, wo er seine Kindheit verbracht hat, wo seine Passion fürs Kino geboren ward. Den Knaben Salvatore nannten damals alle nach dem unübertroffenen italienischen Komiker nur Toto. Das lokale Cinema «Paradiso» war jener verführerische Ort, an dem Toto sich am liebsten aufhielt, der Operateur Alfredo (Philippe Noiret) so etwas wie sein zweiter Vater. Zudem hütete er einen Schatz von unbeschreiblichem Wert, all jene Filmbilder nämlich, die der pfarrherrlichen Zensur und ihrer verlogenen Moral im Lauf der Jahre zum Opfer gefallen waren. Tornatore lässt uns teilhaben an der Beziehung zwischen dem Knaben und dem Operateur, und gleichzeitig führt er uns vor Augen, was Kino alles bedeuten kann, wie bereichernd eine lebendige Kinokultur ist. Es ist dem Italiener auf wunderbare Weise gelungen, den Zauber der Leinwand in einen eigenen Filmzauber zu verwandeln.
Originaltitel: Nuovo
Cinema Paradiso (Drama, Liebesfilm)
Format: Scope
Filmlänge: 155 min
Produktionsland: Italien
Besetzung: Philippe Noiret,
Jacques Perrin u.a.
Regie: Guiseppe
Tornatore
Verleih: Monopole
Pathé Films
Release: 1989